In der zweiten Hälfte des 8. Jh. v. Chr. leistet die Mehrzahl der Staaten in der südlichen Levante Tributzahlungen an das neuassyrische Reich unter der Führung von Tiglat-Pileser III. (745–727 v. Chr.).
► Vor diesem Hintergrund ist die biblische Darstellung des sog. syrisch-ephraimitischen Krieges zu lesen (vgl. 2Kön 16,5.7–9). Die Bezeichnung dieses Krieges ist irreführend, denn „syrisch-ephraimitisch“ bezeichnet nicht die beiden sich gegenüberstehenden Parteien, sondern vielmehr die Bündnispartner Aram (syrisches Gebiet) und Israel (ephraimitisches Gebiet). In ihr antiassyrisches Bündnis wollen die Könige Pekach von Israel und Rezin von Aram auch Juda hineindrängen. Nachdem der judäische König Ahas sich jedoch nicht beteiligen will, belagert die syrisch-ephraimitische Koalition die Stadt Jerusalem, um Ahas zu stürzen und einen neuen König einzusetzen, der das Bündnis gegen Assur stärkt. Nachdem Ahas die Assyrer um Hilfe bittet, belagert der assyrische König Tiglat-Pileser III. Damaskus, sodass die Koalition die Belagerung Jerusalems aufgeben muss. Schließlich nimmt Tiglat-Pileser III. die Stadt ein.
Die oben beschriebene Darstellung folgt insbesondere der Erzählung vom syrisch-ephraimitischen Krieg in den Königebüchern (vgl. 2Kön 15,37; 16,5.7–9), wobei Jes 7,1 weitgehend vergleichbar mit 2Kön 16,5 ist. Aber auch für Jes 7,2–17; 8,1–4; 17,1–11; Hos 5,8–6,6 wird ein Bezug auf dieses Ereignis diskutiert (vgl. dazu Wagner, Thomas, Syrisch-ephraimitischer Krieg, Kap. 2.2 und 2.3). Zu den beschriebenen Ereignissen gibt es neben der biblischen Darstellung auch assyrische Quellen. In welchem Verhältnis die anti-assyrische Koalition und die Feldzüge Tiglat-Pilesers III. stehen, lässt sich nicht genau ermitteln.
► Auch assyrische Quellen schildern machtpolitische Veränderungen in der südlichen Levante. So berichten die Annalen Tiglat-Pilesers III. (TUAT I/4, 370–373) davon, dass dieser bei einem Feldzug viele Städte eingenommen habe, Samaria jedoch nicht (vgl. Zeile 227–230). Zugleich wird auch vom Tod Rezins von Damaskus und der Eroberung der Stadt durch Tiglat-Pileser III. berichtet (vgl. Zeile 228). Dabei kann davon ausgegangen werden, dass der Grund für diesen Feldzug nicht wie in der biblischen Darstellung allein die Bitte des judäischen König Ahas war. Vielmehr war Damaskus als wichtigstes machtpolitisches Zentrum der Aramäer sowie als Stützpunkt und Warenumschlagsplatz zwischen Ninive und Ägypten von Interesse. Die Eroberung der Stadt geschah daher wohl aus Interesse am Machterhalt. Die Inschriften ND 4301 und 4305 (TUAT I/4, 376–378) berichten von einem Feldzug Tiglat-Pilesers III. gegen seine Koalitionspartner im Jahre 732 v. Chr. Dabei werden die Annexion von Damaskus und von großen Teilen Israels, die Exilierung großer Bevölkerungsteile und die Inthronisation eines neuen Königs in Samaria beschrieben. Und auch die Inschrift III R 10, Nr. 2 (TUAT I/4, 373f.) berichtet von einer Annexion Israels und der Eingliederung von Damaskus in das assyrische Stadtterritorium. Allerdings wird hier nicht eine Entmachtung des israelischen Herrschers durch Tiglat-Pileser III. dargestellt, sondern vielmehr berichtet die Inschrift von der Tötung Pekachs durch die samarische Bevölkerung, die zugleich Hosea (nicht zu verwechseln mit dem Propheten Hosea) als neuen König einsetzt. Außerdem wird durch die Nennung jährlicher Tributzahlungen verdeutlicht, dass Israel seine Stellung als tributpflichtiger Vasall erneuert.
► In welchem Zusammenhang die in den biblischen und assyrischen Quellen beschriebenen Ereignisse auch stehen, es wird deutlich, dass es durch die Feldzüge Tiglat-Pilesers III. zu machtpolitischen Veränderungen in der Levante kam. Während Damaskus als wichtiger Ort für die neuassyrische Herrschaft eingenommen wurde, wurde Israel wirtschaftlich und militärisch stark geschwächt und blieb nur noch auf das Kernland Ephraim rund um die Stadt Samaria beschränkt. Dennoch erkauften sich Hosea von Israel wie auch der Nachbar Ahas von Juda durch Tributzahlungen den Fortbestand der Herrschaft. Zugleich fällt auf, dass das Südreich Juda keinesfalls mehr im Schatten des Nachbarn Israel stand, sondern stetig an Macht gewann.
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Erstellt von Katharina Neu, 2025.