Zum Inhalt springen

Zum Begriff „babylonisches Exil“

Die Zeit zwischen 597 v. Chr. und 539 v. Chr. wird „babylonisches Exil“ genannt. Ausgangspunkt bildet die Deportation von Bevölkerungsteilen Judas durch die Babylonier, wobei die alttestamentlichen Texte in ihrer theologischen Perspektive von der Verbannung der (gesamten) Bevölkerung, einem leeren Land Juda und der Rückkehr nach dem Exil berichten. Dabei wird das Exil theologisch als Strafe für die Abkehr von YHWH gedeutet und die Gola (hebr. גלה glhausziehen / fortgehen“), die nach Babylonien deportierten Judäer bzw. die Rückkehrer aus dem Exil, als ‚wahres Israel‘ dargestellt. Das Exil hat von daher eine „enorme Bedeutung […] für die Konstruktion der kollektiven Identität des nachexilischen Israels“ (Frevel, 313). Die Exilszeit wird damit zu einer Zäsur in der Geschichte Israels. Mit der Verwendung des Begriffs sind jedoch Unschärfen verbunden.

  1. Es ist nicht nur von einem einzigen Deportationsvorgang der Judäer auszugehen. Vielmehr sind in den Texten drei verschiedene Deportationen bekannt: Die erste Deportation mit der ersten Eroberung Jerusalems 597 v. Chr., die zweite Deportation mit der zweiten Eroberung und Zerstörung Jerusalems 587 v. Chr. (siehe im Detail Untergang Jerusalems und Judas (587/86 v. Chr.)) und eine dritte Deportation 582 v. Chr.
  2. Juda wird in der biblischen Darstellung als leeres Land beschrieben, was aber nicht den tatsächlichen Gegebenheiten entsprach (vgl. dazu Untergang Jerusalems und Judas (587/86 v. Chr.)). Deportiert wurden vor allem Angehörige der Oberschicht (Königshaus, Priester, Handwerker), während der Großteil der einfachen Bevölkerung im Land verblieb.
  3. Da sich auch nach 539 v. Chr. viele Belege für Judäer in Babylonien finden (vgl. Das Leben in der babylonischen Gola und Diaspora (6. Jh. v. Chr.)), ist nicht von einem plötzlichen Ende des „Exils“ mit der Machtübernahme durch Kyros auszugehen. Viele Judäer blieben in Babylonien wohnen und führten ein Leben in der Diaspora, während andere nach Juda zurückkehrten.
  4. Neben dem babylonischen Exil kann auch vom assyrischen Exil gesprochen werden. Denn nach der Eroberung Samarias 722 v. Chr. sowie während der Besetzung Judas 703–701 v. Chr. kam es auch zu Deportationen von Bevölkerungsteilen. Dass das babylonische Exil eine stärkere Stellung in den biblischen Texten hat, liegt auch an der Entstehung vieler alttestamentlicher Bücher in und nach der Exilszeit und deren Auseinandersetzung mit dieser Zeit.

nach oben

► Zurück zum Zeitstrahl zur Geschichte Israels.

Erstellt von Katharina Neu, 2025.