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Die persische Religionspolitik

Biblisch verbindet sich mit dem Sieg Kyros‘ II. das Ende des Babylonischen Exils. Die alttestamentlichen Texte beschreiben die Zeit unter persischer Herrschaft als Aufblühen des religiösen Lebens durch eine tolerante und unterstützende Religionspolitik. Zwei Gegebenheiten rücken dabei besonders in den Fokus: Das Kyrosedikt sowie der Neubau und die Einweihung des Jerusalemer Tempels.

► Das Kyrosedikt wird im AT an drei Stellen wiedergegeben (vgl. 2Chr 36,22–23; Esra 1,1–4 [hebräisch]; 6,3–5 [aramäisch]). Es hat Kyros II. als Sprecher und wird an den Beginn seiner Herrschaft im Jahr 539 v. Chr. gestellt. Das Edikt beinhaltet die Erlaubnis zum Tempelbau, zur Rückführung der Tempelgeräte und zur Rückkehr der Exilierten. Esra 6,3–5 bietet dabei einen aramäischen Text, der die Erlaubnis zum Tempelbau sowie die Anordnung zur Rückführung der Tempelgeräte umfasst. Lange Zeit galt dieser Text als authentische Kopie eines persischen Edikts aus dem Archiv von Ekbatana. Die Authentizität dieses Dokumentes ist heute in der Forschung jedoch stark umstritten. Das liegt zum einen an der unterschiedlichen Darstellung der Erlaubnis des Tempelbaus. Während die aramäische Fassung (vgl. Esra 6,3–5) Details zur Ausführung und Finanzierung durch den Königshof liefert, verbindet die hebräische Fassung den Tempelbau mit der Rückkehr aus dem Exil. Gerade hinsichtlich der hebräischen Fassung wird auch eine judäische Redaktion und der Einfluss der Gola auf die Textgestalt diskutiert. Die Authentizität von Esra 1,1–4 wird dabei mehrheitlich infrage gestellt. Zum anderen wird heute aufgrund der Ausmaße des Perserreiches und der im Vergleich dazu geringen Bedeutung der Provinz Jehud auch die aktive und subventionierende Rolle der Perser, wie in der aramäischen Fassung in Esra 6,3–5, diskutiert. Zwar war die Politik der Perser wohl unterstützend, ein aktiver Schutz oder eine Finanzierung lokaler Kulte scheint aber nicht angezielt worden zu sein. Das Fehlen einer persischen Textfassung erschwert die Rekonstruktion der Ereignisse. Durch Zweifel an der biblischen Darstellung werden die geschilderten Ereignisse (Rückführung der Tempelgeräte, Erlaubnis zum Tempelbau und Rückkehr der Exulanten) aber noch nicht per se ahistorisch oder unplausibel. Grundsätzlich ist es möglich, dass Kyros II. sich YHWH unterordnet und ihm seine Herrschaft verdankt, da er sich selbst als Garant des Kultes und von den Göttern legitimiert versteht. Der Kyroszylinder beschreibt so bspw. hinsichtlich des Sieges über die Babylonier einen Befehl Marduks als Ausgangspunkt für den Angriff und Sieg Kyros‘ II. Zur Frage nach der Plausibilität der Rückführung der Tempelgeräte lassen sich einige persische Dokumente (vgl. bspw. Kyroszylinder; Nabonid-Chronik; Tonzylinder aus Sippar; Steleninschrift aus Haran) anführen. Sie berichten von der Rückführung kultischer Gegenstände, wie bspw. Götterstatuen, in ihren ursprünglichen Kontext. Die Rückführung eines Teils der Jerusalemer Tempelgeräte erscheint von daher historisch plausibel. Auch der Wiederaufbau von Tempeln und die Rückführung von Deportierten sind belegt und lassen das Kyrosedikt dahingehend historisch plausibel erscheinen. So heißt es auf dem Kyroszylinder:

„Von Ninive, Assur und Susa, Akkad, Eschnunna, Zamban, Meturnu und Der bis zum Gebiet von Gutium, die Städte jenseits des Tigris, deren Wohnsitz von alters her verfallen war – die dort wohnenden Götter brachte ich an ihren Ort zurück und ließ sie eine ewige Wohnung beziehen. Alle ihre Leute versammelte ich und brachte sie zurück zu ihren Wohnorten“ (Z. 30–32, TUAT I, 408–409, HTAT Nr. 273).

Was die Rückkehr der Exilierten betrifft, so sind wohl nur kleine Mengen an Rückkehrern unter Kyros II. zu erwarten. Die größere Zahl der Deportierten kehrt nicht zurück, wie Dokumente aus den Archiven aus Muraššû und āl-Jāḫūdu belegen (vgl. Das Leben in der babylonischen Gola und Diaspora). Zudem lässt sich erst ab 450 v. Chr. archäologisch eine langsame Zunahme der Siedlungen sowie ein Anstieg der wirtschaftlichen Prosperität nachvollziehen.

Das Alte Testament berichtet in der Perserzeit auch von der Einweihung des Neubaus des Jerusalemer Tempels im April des Jahres 515 v. Chr. unter Darius I. Da es für die Einweihung des Tempels sowie dessen Gestalt keine außerbiblischen Belege gibt, hegen manche Forscher begründete Zweifel am Datum April 515 v. Chr. Aus historischer Perspektive ist anzunehmen, dass erst im 5. Jh. v. Chr. finanzielle Ressourcen für einen Tempelbau im beschriebenen Ausmaß, der auch mit dem Bau einer Stadtmauer verbunden war, bereitstanden. Von einem theologischen Standpunkt aus scheint der Wiederaufbau des Tempels zudem vom Verheißungs-Erfüllungs-Modell her konzipiert zu sein. 70 Jahre vergehen von der Zerstörung des Tempels 586 v. Chr. bis zu dessen Wiedereinweihung 515 v. Chr. (vgl. Jer 25,8.11; 29,10–14.20). Esra 1–6 erscheint von daher als fiktionale Erzählung ex post, welche die Erfüllung der prophetischen Verheißungen (vgl. Jes 44,28; 52,11; Jer 25,11–2; 27,22; 29,10; 30,16; 31,33; Hag 5,1–22) darstellt. Dem biblischen Datum 515 v. Chr. sollte daher keine zu große historische Bedeutung beigemessen werden.

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Erstellt von Katharina Neu, 2025.