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Inhalt
- Das Alte Testament als Geschichtszeugnis?
- Zum Quellenwert des Alten Testaments
- Außerbiblische Quellen für die Geschichte Israels
- Der Begriff „Israel“
- Chronologie der Geschichte Israels
- Literatur
1. Das Alte Testament als Geschichtszeugnis?
Die Arbeit mit alttestamentlichen Erzählungen stellt die Frage nach deren historischer Aussagekraft. Dafür ist es wichtig, vier Aspekte zu unterscheiden (vgl. Köhlmoos, 54):
- Historischer Aspekt: Das Alte Testament ist ein Dokument einer vergangenen Zeit und damit eine historische Quelle.
- Historiographischer Aspekt: Das Alte Testament beschreibt die Vergangenheit und ist damit ein Geschichtsbuch.
- Narrativer Aspekt: Das Alte Testament erzählt Vergangenheit in Form von Geschichten und ist damit Literatur.
- Theologischer Aspekt: Das Alte Testament beschreibt die Vergangenheit als Geschichte mit Gott und versteht damit Geschichte als Heilsgeschichte.
Zentrales Mittel für die alttestamentliche Textanalyse sind die Methoden der Exegese. Erst auf dieser Grundlage und unter Einbeziehung aller vier Aspekte kann die Frage nach der historischen Aussagekraft des Alten Testaments korrekt gestellt werden.
2. Zum Quellenwert des Alten Testament
Davon ausgehend stellt sich die Frage nach dem Quellenwert des Alten Testaments. Hier gibt es drei verschiedene Ansätze:
Maximalposition/ Maximalismus: Alttestamentliche Texte gelten so lange als historisch-verlässlich, bis sie durch außerbiblische Quellen widerlegt sind oder wenn deutlich wird, dass die Darstellung an sich nicht plausibel ist.
Minimalposition/ Minimalismus: Alttestamentliche Texte werden nur dann in die Geschichtsrekonstruktion einbezogen, wenn sie mit außerbiblischen Quellen übereinstimmen.
Mittelposition: Alttestamentliche Texte sind nicht primär an einer Geschichtsdarstellung im engen Sinne („geschichtliche Fakten“) interessiert, sondern vielmehr an der Deutung der Geschichte. Daraus folgt, dass jede Textstelle methodisch reflektiert darauf geprüft werden muss, inwiefern sie zur historischen Argumentation herangezogen werden kann. Dies gilt gleichermaßen für biblische wie für außerbiblische Texte.
► Die Mittelposition ist zu bevorzugen.
3. Außerbiblische Quellen für die Geschichte Israels
Für die Rekonstruktion der Geschichte Israels bedarf es daher neben der methodisch geleiteten Sichtung der alttestamentlichen Texte auch der kritischen Analyse außerbiblischer Quellen:
- Archäologische Befunde (Ausgrabungen, Oberflächensurveys; materielle Überreste wie Artefakte und Ökofakte; hinsichtlich longue durée [langsam veränderte Konstanten, bspw. geologische, klimatische, kulturelle Bedingungen oder weitgehend unveränderliche geopolitische Strukturen], moyenne durée [Konjunkturen, bspw. Wechsel von Urbanisierung und Deurbanisierung, Zusammenbruch von Handelssystemen] und courte durée/événement [historische Ereignisse])
- Ikonographisches Material (Bildträger, wie Fels- und Wandreliefs oder halbplastische Statuen und Figurinen, Siegel und Bullen)
- Außerbiblische Texte (v.a. ägyptische und mesopotamische Texte (z.B. Chroniken, Königslisten), antike jüdische Schriftsteller (z.B. Philo von Alexandrien, Flavius Josephus), nichtjüdische griechische Schriftsteller (z.B. Herodot, Thukydides), deuterokanonische und apokryphe Bücher (z.B. 1/2 Makk, 3 Makk, sog. Aristeasbrief)
- Epigraphik (Inschriften (z. B. die Inschrift aus Tel Dan, Ostraka, Briefe, Siegel und Bullen)
- Numismatik (Münzen, v. a. ab der Perserzeit)
(vgl. Frevel, 23–27)
4. Der Begriff „Israel“
Der Begriff „Israel“ ist polysem. Im Alten Testament bezeichnet er
- als Ehrenname den Erzvater Jakob (ab Gen 32,29).
- im Pentateuch die Gesamtheit der Söhne Jakobs und deren Nachkommen als „Volk der Israeliten“ (vgl. u. a. Ex 1,9).
- vom Exodus bis in die Königszeit das Volk, das aus Ägypten ausgezogen ist, sowie das biblische „Großreich“ Israel.
- ab der sog. Reichsteilung das politische Gebiet im Norden (im Unterschied zum Südreich „Juda“).
- nach dem Untergang des politischen Gebietes im Norden 722/720 v. Chr., v. a. in prophetischen Texten, auch das Gebiet im Süden („Juda“).
- die nachexilischen Gemeinde. Diese Bezeichnung hält sich bis in die neutestamentliche Zeit.
Auch das nachbiblische Judentum identifiziert sich über die Tempelzerstörung 70 n. Chr. hinaus mit „Israel“. Seit der Staatsgründung Israels 1948 wird der Begriff über die religiöse Verwendung hinaus auch als politische und geographische Bezeichnung verwendet.
Die Rede von der Geschichte Israels meint mit „Israel“ die sich wandelnde politische und geographische Größe im 1. Jt. v. Chr., ohne diese Bezeichnung zu exakt zu bestimmen. Damit folgt sie „einer Konvention für den übergeordneten Titel der Darstellung“ (Frevel, 29) einer Geschichte Israels.
(Vgl. Frevel, 28f.)
5. Chronologie der Geschichte Israels
Ausgehend von archäologischen Funden kann anhand eines typologischen Keramikvergleichs eine relative Chronologie erstellt werden. Während relative Chronologien weniger kontrovers diskutiert werden, so gibt es um die absolute Datierung bestimmter archäologischer Phasen vor allem im 10. Jh. v. Chr. eine seit 1996 geführte Debatte. Das Problem der sog. Chronologiedebatte beruht nicht allein auf archäologischen Funden, sondern auf einer Verknüpfung mit den biblischen Texten. Dabei geht es um die Frage der Glaubwürdigkeit der biblischen Darstellung, vor allem hinsichtlich der Großreiche Davids und Salomos. Im Kontext dieser Debatte finden sich verschiedene Datierungsansätze für den Beginn der Eisen IIA-Zeit:
- low chronology (LC): 925–835/830 v. Chr.
- modified conventional chronology (MCC): 980–840/830 v. Chr.
- conventional chronology (CC): 1000–900 v. Chr.
Inzwischen zeigen sich in dieser Diskussion aber Kompromisslinien. So wird das biblische Datum 926/25 v. Chr. (verbunden mit der sog. Reichsteilung) nicht mehr als archäologischer Einschnitt vertreten. Auch die Datierungen des Übergangs von der Eisenzeit IIA zur Eisenzeit IIB gleichen sich in der Diskussion zunehmend an (diskutiert wird für dem Übergang ein Zeitraum zwischen 840/30 und 800 v. Chr.). Des Weiteren wird zunehmend eine Unterscheidung zweier Phasen der Eisenzeit IIA akzeptiert (Frühe Eisenzeit IIA 950–900 v. Chr. | Späte Eisenzeit IIA 900–840/30 v. Chr.; der Beginn der späten Eisenzeit IIA wird dabei teilweise 25 Jahre früher angesetzt). Hinsichtlich des 10. Jh.s bleibt der Dissens jedoch nach wie vor bestehen. Damit steht nach wie vor die Frage nach möglichen archäologische Spuren der Herrschaft Salomos im Raum.
(Zur vertieften Diskussion vgl. Frevel, 166–168.)
6. Literatur
Die hier angeführten Literaturangaben beziehen sich auf alle Unterseiten.
- Becking, Bob, Hoschea, in: WiBiLex Online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/21574/ [zuletzt besucht am 11.09.2025]).
- Bieberstein, Klaus, Jerusalem, in: WiBiLex Online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/22380/ [zuletzt besucht am 11.09.2025].
- Frevel, Christian, Geschichte Israels, Stuttgart 22018.
- Jericke, Detlev, Hebräer / Hapiru, in: WiBiLex online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/20785/ [zuletzt besucht am 03.07.2025]).
- Koenen, Klaus, Zerstörung Jerusalems (587 v. Chr.), in: WiBiLex Online (http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/43966/ [zuletzt besucht am 28.09.2025]).
- Köhlmoos, Melanie, Altes Testament, Tübingen 2011 (UTB 3460).
- Müller, Matthias, Amarnabriefe, in: WibiLex online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/13097/ [zuletzt besucht am 03.07.2025]).
- Pietsch, Michael, Josia, in: WiBiLex Online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/22824/ [zuletzt besucht am 19.09.2025]).
- Renz, Johannes, Assyrien / Assyrer, in: WiBiLex online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/14117/ [zuletzt besucht am 11.09.2025]).
- Renz, Johannes, Babylonien / Babylonier, in: WiBiLex Online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/14369/ [zuletzt besucht am: 28.09.2025]).
- Robker, Jonathan, Inschrift von Tel Dan, in: WiBiLex online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/16149/ [zuletzt besucht am 06.07.2025]).
- Robker, Jonathan, Salmanassar III., in: WiBiLex online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/25895/ [zuletzt besucht am 06.07.2025]).
- Wagner, Thomas, Exil / Exilszeit, in: WiBiLex Online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/18001/ [zuletzt besucht am 30.09.2025]).
- Wagner, Thomas, Mescha / Mescha-Stele, in: WiBiLex online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/27025/ [zuletzt besucht am 06.07.2025]).
- Wagner, Thomas, Syrisch-ephraimitischer Krieg, in: WiBiLex Online (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/32162/ [zuletzt besucht am 04.09.2025]).
Weiterführende Literatur:
- Knauf, Ernst / Niemann, Hermann, Geschichte Israels und Judas im Altertum, Berlin – Boston 2021.
- Oswald, Wolfgang / Tilly, Michael, Geschichte Israels. Von den Anfängen bis zum 3. Jahrhundert n. Chr., Darmstadt 2016.
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Erstellt von Katharina Neu, 2025.